Deutscher Meister 1922

 

Nachdem der HSV in der Vorschlussrunde in Frankfurt den Meister des süddeutschen Fußballverbandes, Wacker München, glatt mit 4 : 0 geschlagen hatte, stand unsere Mannschaft im Endspiel gegen den Vorjahresmeister 1.FC Nürnberg. Das erste Spiel im Berliner Grunewald-Stadion dauerte länger als 4 Stunden und wurde beim Stand von 2 : 2 abgebrochen, nachdem der Schiedsrichter Dr. Bauwens mit einem Wadenkrampf zusammen-gebrochen war.

 

Deutscher Meister 1922 7 Wochen später fand in Leipzig die Wiederholung statt. Auch hier konnte in der regulären Spielzeit kein Sieger ermittelt werde. So stand es bei Spiel-schluss unentschieden 1 : 1.
Während der regulären Spielzeit war Nürnbergs Mittelstürmer Boes wegen einer Unsportlichkeit vom Felde gewiesen worden – in der Verlängerung musste ihm Träg verletzungsbedingt folgen.

 

Wie unbeteiligte Leipziger an Eides Statt versichert hatten, hatte Nürnbergs Stuhlfauth in der Verlängerung auf seine Mitspieler eingewirkt, den Platz zu verlassen, damit das Spiel abgebrochen werde, wenn Nürnberg weniger als 8 Spieler auf dem Felde hätte. Nun verließen auch die Nürnberger Kugler und Popp, „verletzt“, das Spielfeld.

 

Hintergrund hierfür war offensichtlich die Regel des süddeutschen Fußballverbandes, wonach ein Spiel abgebrochen werden musste, wenn eine der Parteien weniger als 8 Spieler auf dem Felde hätte. In Süddeutschland war es üblich, abgebrochene Spiele neu anzusetzen.

 

Die Regeln des Norddeutschen Fußballverbandes sah für diesen Fall vor, das der anderen Mannschaft dann die Punkte zugesprochen würden – also zum Sieger erklärt werden. Die Regeln des DFB sagten über eine solche Folgerung nicht! Als der Schiedsrichter Dr. Bauwens daraufhin das Spiel abbrach, erklärte er den HSV zum Sieger!

 

Den Kämpfen auf dem grünen Rasen folgten ebensolche am grünen Tisch, die nicht minder heftig waren. Mit der Entscheidung des Schiedsrichters wollten sich die Nürnberger natürlich nicht abfinden, die auf eine Neuansetzung gehofft hatten. Somit musste sich der Spielausschuss des DFB, in seiner Sitzung am 19. August in Hildesheim, damit befassen. Er entschied, dass der Spielabbruch durch den Schiedsrichter nach den Regeln erfolgte und der HSV als Sieger des Spiels anzusehen sei.

 

Der Spruch des Spielausschusses wurde durch eine fristgerechte Beschwerde von Nürnberg beim Vorstand des DFB angefochten. Die Beschwerde richtete sich gegen die Feststellung, dass Nürnberg den Abbruch selbst verschuldet habe und gegen einen angeblichen Formfehler des Schiedsrichters. Dieser Formfehler sollte darin gelegen haben, dass Dr. Bauwens den Abbruch des Spiels in der Pause zwischen der ersten und zweiten Verlängerung erklärt hatte. Nürnberg war der Meinung, der Schiedsrichter hätte erst wieder anpfeifen müssen und dann das Spiel abbrechen dürfen.

 

Nürnberg beantragte beim Vorstand des DFB die Feststellung, als Deutscher Meister des Vorjahres unbesiegt, und damit auch weiterhin Deutscher Meister zu sein.

 

Die Sitzung des Bundesverbands des DFB fand am 3.Oktober 1922 in Würzburg statt. Der HSV, dem anheimgegeben war, zu dieser Sitzung Vertreter zu entsenden, war durch Dr. Staelin und die Herren Netlitz und Barrelet vertreten. Der norddeutsche Fußballverband entsendete seinen 2.Vorsitzenden, Rechtsanwalt Schmidt – Hannover.

 

Deutscher Meister 1922 Obwohl der HSV und der Norddeutsche Fußballverband bemängelten, dass die Beschwerdeschrift Nürnbergs zu spät zugestellt sei, verhandelte der Bundesvorstand und beschloss schließlich, der Beschwerde des 1.FC Nürnberg stattzugeben. In der Begründung wurde der angebliche Formfehler des Schiedsrichters als weniger wichtig angesehen, vielmehr hielt der Bundesvorstand die Lücke in den Regeln des DFB, wonach Folgen bei einem solchen Spielabbruch nicht vorgesehen waren, für ausschlag-gebend. Eine nochmalige Wiederholung des Spieles sollte aber nicht in Frage kommen. Das Urteil war damit endgültig und rechtskräftig.

 

Somit hatte der HSV nichts, Nürnberg aber alles erreicht. Nürnberg galt als Deutscher Meister des Vorjahres und damit weiterhin als Titelverteidiger.

 

Trotzdem fand der HSV einen Weg, die Sache wieder aufzurollen. Für den Bundestag, das Parlament des Deutschen Fußballbundes, am 18. und 19.November in Jena, beantragte der HSV die Herbeiführung eines Beschlusses, dass der früher ergangene Spruch des Spielausschusses als rechtsgültig bestehen bleiben müsse. Es handelte sich, so führte der HSV aus, um eine Auslegung der deutschen Spielregeln, für die einzig und allein der Spielausschuss, niemals aber der Vorstand maßgebend sei.

 

Da beim Bundestag nur die Verbände und nicht die Vereine Anträge stellen konnten, machte sich der Norddeutsche Verband die Auffassung des HSV zu eigen. Der HSV bat den 2.Verbandsvorsitzenden, Rechtsanwalt Schmidt, Antrag und Begründung vorzutragen. Als Mitglied des Norddeutschen Fußballverbandes, konnte auch unser Henry Barrelet das Wort ergreifen.

 

Beim Bundestag hatten die Landesverbände entsprechen ihrer Größe eine bestimmte Stimmenzahl. Süddeutschland war der weitaus größte Verband. Ging Süddeutschland mit einem oder mehreren der anderen Verbände zusammen, so war die Mehrheit gesichert. In Jena stellte sich alsbald heraus, dass die Mehrheit der Verbände nicht willens war, den Bundesverband in seiner Entscheidung zu desavouieren. Darauf besannen sich die Vertreter des HSV auf das parlamentarische Mittel, kurz vor der Abstimmung, eine 10 minutige Pause zu beantragen.

 

Deutscher Meister 1922 Diese Pause, die erheblich ausgedehnt wurden, nutzten die Vertreter des HSV zu Verhandlungen. Es sollte unter allen Umständen verhindert werden, das der 1.FC Nürnberg weiterhin als Titelverteidiger gelten würde. Die entscheidende Wende wurde durch die Erklärung der HSV-Vertreter erreicht. Der HSV erklärte: Wenn die Landesverbände unserem Antrag bei der Abstimmung folgen, so sind wir, nach dem Spruch des Spielausschusses, Sieger über Nürnberg. Danach verzichten wir auf die sich daraus ergebenden Folgen!

 

Auf dieser Basis konnte für die Abstimmung eine Mehrheit erreicht werden. Nun erhob Henry Barrelet das Wort. Er erklärte, ungeachtet dessen, dass er eigentlich nicht als HSVer, sondern nur als Verbandsvertreter sprechen durfte: „Nachdem wir nun durch den gültigen Spruch des Spielausschusses zum Sieger des zweiten Spieles erklärt worden sind, verzichten wir auf die Erklärung zum Deutschen Meister.“

 

Es folgte viel Beifall für diese Aussage! Dann kam aber ein Nachspiel, das zunächst Heiterkeit auslöste. Der Vertreter des Süddeutschen Verbandes, Dr. Keyl, erhob sich und führte aus, dass nunmehr, nachdem der HSV verzichtet habe, Nürnberg nach wie vor Deutscher Meister sei.

 

Damit war die Heiterkeit verflogen und Rechtsanwalt Schmidt ergriff das Wort: „Nachdem der HSV zum Endspielsieger erklärt wurde, war er automatisch Deutscher Meister, daran ändert auch der Verzicht, zum Deutschen Meister erklärt zu werden, nichts.“ Dieser Auffassung schlossen sich alle Landesverbände, mit Ausnahme Süddeutschlands, an.

 

Dem HSV ist im Jahre 1928, nach erneuter Erringung der Deutschen Meisterschaft, vom Bundesvorstand des Deutschen Fußballbundes nochmals ausdrücklich die Meisterschaft des Jahres 1921/1922 zuerkannt worden. Sein Wappenschild ist auch vom Deutschen Fußballbund 3mal, nämlich 1922, 1923 und 1928 auf der „VICTORIA“, dem Wanderpreis der Deutschen Fußballmeister, angebracht worden.

 

Die Mannschaft 1922:

Hans Martens, Albert Beier, Walter Schmerbach, Hans Flohr, Asbjørn Halvorsen, Hans Krohn, Walter Kolzen, Ludwig Breuel, Otto Harder, Karl Schneider, Hans Rave; Trainer: A. W. Turner

 

1.FC Nürnberg

Heinrich Stuhlfauth, Gustav Bark, Michael Grünerwald, Anton Kugler, Emil Köpplinger, Carl Riegel, Wolfgang Strobel, Luitpold Popp, Willy Boes, Heinrich Träg, Hans Sutor; Trainer: Izidor Kürschner

 

 

Quelle: HSV-Archiv
Zusammenstellung: HSV-Seniorenrat

HSV-
Archiv
 ===========