Deutscher Meister 1922

 

Gemeinde Wiefelstede
An den Vorstand des Hamburger Sport-Verein

 

Sehr geehrte Herren!
Die Gemeinde Wiefelstede musste vor einigen Tagen, aus Anlass eines Straßenbaues, das Kriegerehrenmal 1914/18 abbrechen und umsetzen. Dabei wurde im Fundament eine damals eingemauerte Urkunde mit verschiedenen Zeitungen vom Tage der Grundsteinlegung gefunden. In einer Zeitung fand sich ein Bericht über die Fußballmeisterschaft von 1922. Während wir die übrigen Zeitungen dem neuen Fundament des Denkmals wieder anvertrauten, haben wir den Meisterschaftsbericht herausgetrennt und übersenden ihn als Anlage Ihrem Verein. Vielleicht sind Ihnen einzelne Dokumente aus „großer Vereinszeit“ durch den Bombenkrieg abhandengekommen. Die Gemeinde Wiefelstede wünscht Ihnen, nach dem enttäuschenden Start in der diesjährigen Saison, wieder den Kampfgeist von 1922.
Hochachtungsvoll, der Gemeindedirektor

 

Entscheidung über die deutsche Fußballmeisterschaft - HSV deutscher Fußballmeister

50.000 Zuschauer – Nürnberg gibt den Kampf bei 1:1 auf – unerhörte Skandalszenen

 

Unter einer gewaltigen Beteiligung von Zuschauern des In- und Auslandes vollzog sich vorgestern in Leipzig das Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft. Der Andrang zu diesem denkwürdigen Sportereignis war so groß, daß das neue Stadion am Völker-schlachtdenkmal schon gegen Mittag etwa 20.000 Zuschauer barg. Im Laufe der Nachmittagsstunden wuchs die Zahl auf ca. 50.000 Wartende; unter denen sich schon vor Spielbeginn erregte Szenen abspielten. Verschiedentlich mussten durch die Sanitätskolonne des Roten Kreuzes Verletzte vom Platz getragen werden.

 

Das Spiel:

Als Dr. Bauwens, Köln, nach einer halbstündigen Verspätung das Spiel anpfiff, standen die Mannschaften wie folgt:

 

Aufstellung

Nürnberg hat Anstoß und geht sofort in Front. Bös und Popp unternehmen je einen gefährlichen Angriff, die erst im letzten Augenblick von Hamburgs guter Hintermannschaft unterbunden werden. Ca. 15 Minuten dauert die Überlegenheit der Süddeutschen, dann kommt der HSV allmählich auf, obwohl sich Träg noch einmal überraschend durchspielt. Im Ganzen lässt das aufregende, schnelle Spiel planvolle Taktik vermissen. Harder verpasst eine sichere Chance vor dem gegnerischen Tor, da er sich nicht zum Schuss entschließen kann. Einen scharfen Linksschuss von Harder kann Stuhlfauth nur mit knapper Not halten.

 

Mit 0:0 geht es in die Pause.

Bei Wiederanstoß ist der HSV sofort in Führung, kann aber nicht verhüten, dass Träg nach glänzender Kombination in die rechte Ecke unhaltbar einsendet.

 

1:0 für Nürnberg

Die ungeheure Spannung macht sich beim Publikum durch brausenden Beifall Luft. Der Norddeutsche Meister verdoppelt seine Anstrengungen. Breuel verschießt einen guten Ball. Ein Prachtschuss von Schneider kann von Stuhlfauth nur zur Ecke abgelenkt werden. Harders Alleingänge haben nicht den sonstigen Schneid. Einmal verpasst er eine Bombenchance 3 Meter vor dem Tor. Erst eine viertel Stunde vor Schluss rafft er sich glänzend auf, spiel sich in virtuoser Manier durch und gibt die Vorlage an Schneider, der unhaltbar in Nürnbergs äußerste rechte Ecke verwandelt.

 

Ausgleich zum 1:1

Ungeheurer Beifall tobt durch die Zuschauermassen. Das Spiel der Nürnberger wird flauer. Stuhlfauth hat alle Hände voll zu tun. Aus der Reihe des norddeutschen Innensturms hagelt es Schuss auf Schuss auf den Kasten der Süddeutschen. Torwärter und Verteidigung spielen jedoch mit voller Bravour.

 

Auch ein letzter Schuss von Breuel, der aus 8 Metern Entfernung den Pfosten anschießt, kann Norddeutschland das siegbringende Tor nicht verschaffen. So entschließt man sich für eine Verlängerung der Spielzeit.

 

Nur 15 Minuten Pause, dann nimmt der erbitterte Kampf seinen Fortgang.

Die Chancen wechseln von Tor zu Tor. Breuel schießt wieder aus 5 Meter Entfernung vorbei. Harder ist nicht mehr in erster Form. Halvorsen scheidet wegen Verletzung aus.

 

Eben hat der HSV notdürftig umgestellt, da wird auch Beier von Träg unfair getreten. So wird Träg, der Spielführer der Nürnberger des Feldes verwiesen.

 

Nachdem Beier von der Sanitätskolonne von Platz getragen ist, kämpfen beide Mann-schaften nur noch mit 9 Mann. Bald darauf verlassen Nürnbergs Kugler und Popp das Spielfeld, sodass das Spiel von Schiedsrichter Dr. Bauwens abgepfiffen werden muss.

 

Soweit das Spiel, dessen Kritik nicht sehr zu Gunsten Nürnbergs ausfallen dürfte. Mit Recht betont die gesamte führende Sportpresse, dass Nürnberg zu unfairen Mitteln gegriffen habe. Diese Tatsache sowie der Umstand, dass Nürnberg den Kampf aufgab, dürften genügen, um dem HSV den Meisterschaftstitel zuzuerkennen. An diesem Resultat darf auch ein Protest nichts ändern, den Nürnberg vermutlich einlegen wird.

 

 

Quelle: HSV-Archiv
Zusammenstellung: HSV-Seniorenrat

HSV-
Archiv
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