Februar 1961: Die Amateurfrage

 

Heftige Diskussionen über die Amateurfrage beherrschten die Sport-Öffentlichkeit schon im letzten Monat. In der Januar-Ausgabe der Sportzeitung „Der Sport“; schrieb Ernst Werner u. a.: „Gern stimmen wir dem weisen Professor Carl Diem zu, wenn er die Amateur-Bestimmungen als eine Art Sport-Jugendschutzgesetz bezeichnet, das erhalten bleiben müsste. Auch der Anspruch sportliche Leistung zu vollbringen, ohne daraus sogleich materiellen Nutzen zu ziehen, muss erhalten bleiben. Aber an Verstößen dieses Prinzips gehen nicht die Olympischen-Spiele zu Grunde. Wenn diese Idee gefährdet ist, dann ist es der Verstoß gegen die Wahrheit.

 

Die Sylvester-Ausgabe vom Hamburger Abendblatt veröffentlichten hierzu deutliche und eindringliche Worte von Georg H. Meurer:

Auch die alten Griechen waren keine Amateure. Ihre Olympiasieger ließen sich ihre Erfolge – wir wissen es aus der Geschichte – gut bezahlen und waren steuerfreie Bürger von großem Ansehen. Unsere „Profiverbrennung“ ist nichts als eine Folge jener weitgreifenden Griechenverkennung, mit der die Historiker des 19. Jahrhunderts jenes für die Realitäten doch so aufgeschlossenes Volk bestraft haben.

 

1894, auf dem Pariser vorolympischen Kongress, wurde dieses Missverständnis gleich einem Glaubensbekenntnis in den Grundstein des neuzeitlichen Olympia einzementiert. Seitdem ist an dem Amateurbegriff immer wieder herumgezerrt worden, aber niemand hat sich die Mühe gemacht oder den Mut gehabt, seine Wurzeln zu analysieren oder gar zu kritisieren. Denn diese liegen im falschverstandenen Hellenentum einerseits und im angelsächsischen Gesellschaftssnobismus andererseits.

 

War doch der Sport damals noch eine Sache der oberen Zehntausend, die sich mit Geld niemals die Fingen schmutzig gemacht hätten.

 

Nun, diese Klassenbeschränkungen wurden aufgehoben, aber die Amateurphrase blieb. Geriet auch der Klassendünkel in Diskussion, so blieb doch sein Ableger, der Amateur-heiligenschein, unangetastet.

 

Auf seinem Kongress in Athen will sich das IOC 1961 grundsätzlich mit einer Neufassung des Amateurstatuts beschäftigen. Der Kanzler Otto Mayer hält es sogar für möglich, dass sich im IOC eine Mehrheit für eine Veränderung der Amateurregel ausspricht.

 

Aber er sagt im gleichen Atemzuge, dass Präsident Avery Brundage wie ein Erzengel vor dieser Phrase stehen und sie mit allen Raffinessen verteidigen wird – erfolgreich, wie der Kanzler des IOC glaubt.

 

Wem wäre damit gedient? Einer längst widerlegten historischen Legende, einer hohlen Phrase und Lüge, die das Märchen vom blütenreinen Amateur begleitet, weiterhin das Wort zu reden. Wenn der Kanzler Otto Mayer recht hat, gäbe es eigentlich nur eine Forderung: Abtreten, Mr. Brundage !

 

Quelle: HSV-Archiv
Zusammenstellung: HSV-Seniorenrat

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